Russlandversteher melden sich zu Wort

mangold

Klaus Mangold

Die „Russlandversteher“ in den Reihen der deutschen Wirtschaft werden selbstbewusster. Seit die Bundeskanzlerin dem damaligen Ostausschuss-Vorsitzenden Eckhard Cordes im Frühjahr 2014 ihren „Primat der Politik“ mehr oder weniger aufoktroyierte, haben die Manager stillgehalten. Schließlich, so hieß es seinerzeit, werde der Lohn real und greifbar sein: Russland werde sich den Regeln beugen, die Krim kehre zur Ukraine zurück, die europäische Friedensarchitektur komme wieder ins Lot.

Fast zwei Jahre sind vergangen, und keines der Versprechen wurde wahr. Für viele ist der Kredit der Sanktionspolitik schlicht aufgezehrt.

Hinzu kommt: Die Mehrheit der russischen politischen Klasse ist überzeugt, der Westen habe sich die „Regeln“, von denen ständig die Rede ist, selbst auf den Leib geschneidert, und die „europäische Friedensarchitektur“ sei spätestens seit der Bombardierung Serbiens 1999 ohnehin außer Kraft. Von der Krim ganz zu schweigen … Dort, in Moskau, ist sicher keine Bewegung zu erwarten.

Manager, Unternehmer für Dialog

Den Managern und Unternehmern steht der Sinn nicht nach juristischen Spitzfindigkeiten und politischer Haarspalterei. Sie wollen Dialog, sie wollen Handel treiben, ihre Fabriken auslasten, ihre Mitarbeiter beschäftigen. Die Unterstützung, die der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer aus Wirtschaftskreisen für seine Moskaureise in der vergangenen Woche erfuhr, spricht Bände. Scharf war er von Politikern und Journalisten angegangen worden – Berufsstände, denen es erspart ist, für Auftragseingang und wirtschaftliches Ergebnis gerade zu stehen. Der Russland-Beauftragte der Bundesregierung Gernot Erler warf Seehofer sogar „unstillbares Geltungsbedürfnis“ vor.

Mit seinem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung (FAS) am Wochenende zeigt der seit vielen Jahren auf Russland spezialisierte Unternehmer Klaus Mangold, wie dringend die Verbesserung des deutsch-russischen Verhältnisses auf die Tagesordnung gehört: „Osteuropa ist für mich Herzenssache und große wirtschaftliche Perspektive zugleich.“

Vor allem nimmt er die deutsche Wirtschaft in Russland gegen einseitige, von Vorurteilen getriebene Vorwürfe in Schutz. Etwa mit Blick auf China: „Wer dort Geschäfte macht, wird nicht als Chinesenversteher in die Ecke gestellt.“ Dabei sei, so Mangold, der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft in China viel größer als in Russland, und die kulturellen und historisch gewachsenen Bindungen zu Deutschland viel geringer.

Weder Mafia noch Wodka

Russland hingegen wird nach Kräften mit dümmlichen Vorurteilen überzogen. „Ich habe in den letzten fünf Jahren nicht einen Wodka getrunken bei einem Geschäftsessen in Russland“, meint Mangold zu dem Thema. Auch das ewige Klischee mit der Mafia rückt er zurecht: „Das Thema stellt sich längst nicht mehr.“ Wenn, dann war die Mafia Anfang der 90er Jahre ein Problem, „in den wilden Jahren nach der Wende“.

Den Transatlantikern, die jede Form von Annäherung an Russland fürchten wie der Teufel das Weihwasser, sind Leute wie Mangold ein Dorn im Auge. Dass die FAS ihm eine Bühne gibt, spricht dafür, dass auch die Macht der Angelsachsen nicht ungebrochen ist. Nach FAS-Angaben macht der britische „Economist“ sich wegen der deutschen Russland-Sympathien bereits Sorgen um die klare Linie des Westens.

In der deutschen Wirtschaft schrumpft die Zahl jener, die darauf noch groß Rücksicht nehmen. Sie fragen sich, was die deutsche Regierung – überhaupt die EU-Regierungen – legitimiert, das Russlandgeschäft in Geiselhaft zu nehmen, während gleichzeitig das Kiewer Parlament der Ostukraine die vereinbarte Autonomie verweigert. Seitdem das entsprechende Gesetz in der vergangenen Woche nicht zur Abstimmung kam, ist Minsk-2 so gut wie gescheitert – nicht aufgrund russischer, sondern aufgrund hausgemacht ukrainischer Versäumnisse. Damit gerät die EU-Sanktionspolitik in ein zunehmend einseitigeres Fahrwasser – schließlich wird jene Seite sanktioniert, die an der derzeitigen Unterbrechung des Friedensprozesses die geringste Schuld trägt.

Wo bleiben die Sanktionen gegen Kiew?

Wo bleiben die Sanktionen gegen Kiew, kann man abends beim Bier die deutschen Firmenvertreter hören. Zu Unrecht? Die gegen Russland wurden erst vor wenigen Wochen bis Mitte 2016 verlängert. Wie geht es weiter? Der Automatismus „Russland ist schuld, Russland wird bestraft“ lässt sich informierten Zeitgenossen kaum noch verkaufen.

Die deutschen Besserwisser werden Abstriche machen müssen. Klaus Mangold: „Wir dürfen nicht überziehen, den Russen vorzuschreiben, was sie tun und lassen sollen. Das Land braucht nicht den Zeigefinger der Deutschen.“

(Bild: Ralf Roletschek / fahrradmonteur.de, CC Attribution 3.0 unported flickr.com)

5 Kommentare

  1. I really like what you guys are usually up too.
    This sort of clever work and reporting! Keep up the awesome works guys I’ve included you guys to my personal blogroll.

  2. Marylou Bekk sagt:

    @Thomas Bund………und sie glauben Ihr intellektueller Erguß ist besser. Ich denke eher altes teutsches Denken. Röttgen läßt grüßen. Oder frei nach Hüsch………nichts wissen, aber alles erklären können.

  3. If people think that economic issues can’t ever be settled, because
    to unravel the economic circumstances must be requested loans
    plus, in general, it really is believed that the
    borrowed funds is a very difficult job, because the prolonged
    formalities, folks should understand that there is no financial problems, which could not be fixed 1000 to.

  4. Mir ohnehin unvollständig, dass sich die deutsche Bevölkerung und auch die deutsche Wirtschaft von dieser unseligen Merkel-US-Vasallen-Regierung in diesem Ausmaße in Geiselhaft nehmen lässt.

  5. Thomas Bund sagt:

    Ein „interessanter“ Artikel mit einer interessanten Wortwahl:
    • Den Managern und Unternehmern steht der Sinn nicht nach juristischen Disputen und politischer Haarspalterei.
    • Scharf war er von Politikern und Journalisten angegangen worden – Berufsstände, denen es erspart ist, für Auftragseingang und wirtschaftliches Ergebnis gerade zu stehen
    • …das ewige Klischee mit der Mafia rückt er zurecht: „Das Thema stellt sich längst nicht mehr.“
    • fragen sich, was die deutsche Regierung – überhaupt die EU-Regierungen – legiti-miert, das Russlandgeschäft in Geiselhaft zu nehmen
    • Seitdem das entsprechende Gesetz in der vergangenen Woche nicht zur Abstimmung kam, ist Minsk-2 so gut wie gescheitert
    • schließlich wird jene Seite sanktioniert, die an der derzeitigen Unterbrechung des Friedensprozesses die geringste Schuld trägt.

    Dem gegenübergestellt die Äusserungen eines gewissen Herrn Trenin, der als erster von „effektiven, gut organisierten Jungs“ sprach – die so benannten „Grünen Männer“ auf der Krim, also in der Ukraine, die späteren „Helden“, inzwischen die „höflichen Leute“….:
    • ……alle haben gespürt, dass mit dem Sturz von Janukowitsch eine rote Linie über-schritten worden war, und dass nicht Russland selbst diese Linie überschritten hat, sondern Russlands „Konkurrenten“, wie Putin es jetzt formuliert
    • …….schließlich geht es darum, Amerika dazu zu zwingen, Russland als Großmacht anzuerkennen, und zwar als Großmacht jenseits der Grenzen des postsowjetischen Raums.
    • Nachdem das Projekt ‚Neurussland‘ gescheitert ist, ist das sozusagen als Plan B übriggeblieben (Minsk-II)
    • Seine Logik geht so: Sobald dem Donbass ein Sonderstatus garantiert wird… Natürlich will Moskau nicht, dass Kiew die volle Kontrolle dort übernimmt. Die jetzige Machtkonfiguration im Donbass soll erhalten bleiben, nur eben formal innerhalb der Ukraine. Und dann kommt auch die Grenze zu Russland formal wieder unter ukrainische Kontrolle.
    • ….die ukrainischen Grenzpolizisten Leute aus Donezk und Lugansk sind, die zwar ukrainische Uniformen tragen, aber enge Verbindung mit der örtlichen Miliz haben. Dann ist die Kontrolle Kiews eher formal als real….

    Ebenfalls „interessant“ die Schlussfolgerung Ihres Schreibenden:
    Die deutschen Besserwisser werden Abstriche machen müssen….

    Mein Gott – welch ein intellektuelles Ruhekissen!
    Welch ein „Deutsch-Industrielles Durchblickertum“ (dem man nur mit bitterem Spott und einem leichten Hinweis auf Hannah Arendt begegnen kann…).